Zen-Meditation - eine Hochgebirgstour

Erfahrungen eines Schülers der Zen-Meditation

1. Kapitel

Die Berge rufen - von der Sehnsucht nach dem Weg

Ein populärer Film des Bergsteigers und Filmproduzenten Luis Trenker aus dem Jahr 1938 hieß "Der Berg ruft". Ich habe diesen packenden Titel in den Plural abgeändert, weil es hier bereits um eine wichtige Nuance in unserer Hauptmetapher von der Hochgebirgswanderung geht. Der Film handelt von der Erstbesteigung des Matterhorns, die zu einem katastrophal endenden Wettlauf zweier Bergsteiger-Teams ausartete. Es ging also um den einen, prestigeträchtigen Gipfel und um den auch politisch aufgeladenen Ruhm des Siegers. Das wäre ein fatales Bild für den Zen-Weg! Aber auch die in der Einleitung von mir angesprochenen "Liebhaber der Bergwelt" kennen eine unbestimmbare Sehnsucht nach den Bergen, nicht nur nach ihren Gipfeln, sondern auch nach dem Wandern und Klettern in den einzigartigen Felslandschaften der hohen Gebirge. Sie suchen den Weg aus Hektik und Lärm des Alltages in die Stille und Einsamkeit der Berge. Sie wollen den Körper wieder spüren, selbst wenn er dann schmerzt. Auch die Erfahrung größter Anstrengungen und vielleicht von Ängsten können nur vorübergehend dieses Verlangen nach den Bergen dämpfen.

Auch auf dem Zen-Weg spielt Sehnsucht eine gewichtige Rolle, oft schon ganz am Anfang als Motivation, sich auf diesen Weg zu begeben, vor allem aber auch unterwegs, wenn es darum geht, auf dem Weg zu bleiben.

Am 11. September 1989 schrieb ich in mein Tagebuch:

Jetzt ist es für mich klar, dass ich den Weg der christlich-buddhistischen Zen-Kontemplation gehen will. Klar wurde es durch ein intensives, sehr gutes Einführungswochenende bei einem Lehrer. Es war gut, die klare, einfache, aber auch strenge Zen-Meditation noch einmal von Grund auf erläutert zu bekommen nach all den vielen Monaten und schon Jahren des freien, phantasievollen, visionären Meditierens.....Nicht nur die Form, auch das Ziel ist jetzt klarer: das Finden des Wahren Selbst. Und dass dies angesichts all der Verschüttungen und Überlagerungen des Bewusstseins eines langen, kontinuierlichen Prozesses bedarf, leuchtet mir ein....
Für diesen "harten" Weg war dieses Wochenende ein sanfter Beginn, ein freundliches Versammeln am Fuße einer Bergkette, wo der liebenswürdige Bergführer ein paar Übungen zur Technik des Bergwanderns anleitet, in Regeln und Gepflogenheiten unter Bergsteigern einführt, aber auch etwas über die Schönheit der Berge und die Verlockung des Ausblickes von oben sagt.(Tgb 2, Sept.89)

In all den Jahren seit diesem Beginn wurde die Motivation für die Zen-Meditation immer wieder zu einem Thema. Vor allem wenn die Frustrationen überhand nahmen (vgl. dazu das 8. Kapitel über Schwierigkeiten und Krisen), meldete sich leise oder laut die Frage: "Warum tue ich mir all das an?!" Auch sonst war mit der Sehnsucht ein kompliziertes Problem verbunden: man soll vollständig absichtslos sitzen, ohne jede Zielvorstellung oder gar den Wunsch nach Erleuchtung.

"Vergiss alles, was du über Erleuchtung, Kensho, Satori jemals gelesen oder gehört hast" ermahnte mich einmal mein Lehrer. Ich konnte ihm versichern, dass solche Erwartungen schon fast keine Rolle mehr bei mir spielen. "Nur meine Sehnsucht bleibt, dass es weiter gehen soll..." "Ja, und das ist auch schon die Hauptsache!" war seine Reaktion.
(Tgb 6, Juni 99)
Im Dokusan (einem Vier-Augen-Gespräch) sprach ich von dem Dilemma, dass ich einerseits eine tiefe Sehnsucht nach der großen Erfahrung des Wahren Selbst habe und andererseits weiß, dass ich ohne jede Absicht sitzen soll. "Ein gesegnetes Dilemma!" sagte darauf mein Lehrer. "Sei froh und dankbar, dass du diese Sehnsucht hast; sie ist ein Geschenk der Gnade und sie zieht dich. Aber sieh zu, dass du keine Vorstellungen damit verbindest, denn die Erfahrung ist jenseits aller Vorstellungen."
(Tgb 6, August 95)

Im Buch von Pater Kopp, S.A.C."Schneeflocken fallen in die Sonne" fand ich (auf S.242) die Sätze:
"Die wahre Erleuchtung steht nicht auf der Wunschliste des Ego, denn dies kann nichts anderes wünschen als sich selbst, und gerade das muss weichen. Die Erleuchtung steht auf keiner Wunschliste, denn sie wird geschenkt, wenn keine Wünsche mehr hindern." - Tatsächlich ist mein Wunsch nach Erleuchtung noch mit sehr viel Egohaftem behaftet: ich möchte ein richtiger Zen-Lehrer werden; ich möchte vollkommen weise, gelassen, geistesgegenwärtig und liebevoll werden; und - das ist wahrscheinlich ein raffiniertes Ego-Versteck! - ich möchte durch die Erleuchtung von all diesen Eitelkeiten befreit werden. Und doch auch: ich sehne mich nach dem Einssein mit Allem, nach Gott! "Herr, Gott, reinige Du all mein Wünschen und Sehnen, dass es Deiner Erfüllung nicht mehr im Wege steht!"
(Tgb 6, August 95)

Dann ging es mir um die Frage, ob man um eine Erleuchtung beten dürfe, gar solle:

Ich habe dies bisher nur selten getan, teils aus Bescheidenheit, weil dieser Wunsch ja maßlos unbescheiden ist; teils um mich nicht noch mehr auf eine Erleuchtung zu fixieren. Aber mein spiritueller Weg des Zen ist mir tatsächlich das Wichtigste für den verbleibenden Rest meines Lebens geworden. Gott allein weiß, wie viel meiner Erleuchtungs-Sehnsucht vom Ego kommt und wie viel dieses Wunsches daher kommt, dass ich meine, nur als erfahrener Zen-Lehrer könnte ich anderen maximale Hilfe und Inspiration geben. ....Plötzlich wurde mir ganz klar: im Gebet um Erleuchtung geht es nicht darum, dass "ich" "jemanden" um "etwas" bitte (wie um einen Gegenstand) - in diesem Satz stecken gleich drei verhängnisvoll falsche Vorstellungen. Sondern: Gebet ist der Weg zur Erleuchtung! Gebet müsste darin bestehen, sich loszulassen auf das hin, was da ruft: "Komm, ich bin schon da!" ....Eine neue Art von Gebet ist dann ein wortloses Gebet, dennoch ein bittendes Gebet ( aus der inneren Einstellung einer Bitte), ein Gebet ohne Anrede, ohne die Vorstellung eines Gegenübers, ein lauschendes Gebet, und schließlich ein geduldig harrendes Gebet (ohne die Erwartung unmittelbarer Erhörung).
(Tgb 8, S.31 - 34, Mai 2002)

Mein Lehrer antwortete auf meine Frage, ob man um Erleuchtung beten dürfe: "Aber nur so: "Dein Wille geschehe, nicht mein Wille."....Und daraus darf kein Drängeln werden."
(Tgb 9, S.69, Jan. 2006)

Früher schon war mir einmal aufgegangen, dass sich meine Sehnsucht nach dem Unendlichen bisher auf etwas Fernes gerichtet hat. Wenn ich bei der "Kosmischen Atmung" (einer ChiQong-Übung) die Arme zum Himmel öffnete oder wenn ich dem Klang des Gongs nachlauschte, dann zog es mich weit fort. "Aber das Unendliche ist ja in Dir!" höre ich meinen Lehrer sagen. Von jetzt an will ich also meine Sehnsucht in mich richten.
(Tgb 4, Dezember 92)
Was treibt und zieht mich immer wieder in Sesshins, so sehr, dass ich mich trotz all der Mühen immer wieder darauf freue? Bin ich hier, um "weiter" zu kommen? Um sicherer zu werden in der Meditationstechnik? Um tiefe Versenkung zu erleben? Um einer Erleuchtung näher zu kommen? Weil ich Meditationslehrer werden will? Weil ich über mein lästiges Ego hinausreifen will? Ach, könnte ich all diese Um-Zu vergessen! Ich soll ja ohne jede Absicht sein. Aber ohne Motivation wäre ich doch nicht hier! Gibt es einen Unterschied zwischen Motivation und Intention, zwischen Antrieb und Absicht, Sehnsucht und Zielorientierung? ....Ich will die Erfüllung all meiner Sehnsüchte dem Geschehen überlassen, will mich dafür nur in Position bringen, mich bereiten und dann geduldig warten. Einfach nur Sitzen! Einfach nur da sein!
(Tgb 5, Dezember 93)

Meister Rinzai, einer der Klassiker des ursprünglichen Zen in China, warnte vor dem Suchen. "Wer sucht, findet nicht....Wenn ihr Buddha sucht, wen sucht ihr denn? Buddha ist nur ein Name, nur ein Wort!" Mein Lehrer sagte dazu kommentierend: "Gott kann man nicht suchen, denn er ist allgegenwärtig; und nicht nur im Geistigen oder nur in der Menschenseele, sondern wirklich in allem, auch im Materiellen und Banalen. Und nur deshalb können wir eine Ahnung vom Gesuchten haben, jene Ahnung, die uns überhaupt suchen lässt. Es ist Gott, der in uns sucht, der sich selbst durch uns sucht."...
"Das Suchen müssen wir in delikater Balance halten: es geht einerseits um unsere aktive Beteiligung, unser Sich-Aufmachen, unser Üben; und andererseits um unser Stillhalten, um unser Sich-Hingeben und Öffnen mit Körper, Geist und Seele."
(Tgb 9,S. 52, Frühjahr 2005)

Während der langen Jahre auf dem Zen-Weg entdeckte ich auch andere Motive für den Weg als nur die Sehnsucht nach dem "höchsten Gipfel". So reagierte ich im Februar 1991 auf die eskalierenden Nachrichten zum 1. Golfkrieg mit großem Erschrecken:
Und als ich raus ging zum nächtlichen Waldrand mit fahlem Mondlicht über weißen Schneefeldern und dort lange meditierte, wurde mir klar: jetzt ist es noch wichtiger und dringlicher, dass ich meine Mitte suche und bewahre, dass ich mich mit Gott verbinde, dass ich die Erfahrung "Gott ist in allem - auch in den Krisen" vertiefe. Der Krieg treibt mich, ernsthafter und konzentrierter als bisher weiterzugehen auf meinem spirituellen Weg. Ich spüre bereits den Segen innerer Ruhe.
(Tgb 3, Febr.1991)

Oder:
...mein schon lange bestehender Wunsch, dorthin zu gelangen, wo die Worte und damit das duale Denken aufhören;
radikal liebesfähig zu werden;
völlig geistesgegenwärtig für Menschen und Situationen;
und meine tiefe Sehnsucht heimzukommen.
(Tgb 6 , Mai 96)

Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich drei Erfahrene zitieren, zwei mittelalterliche und eine zeitgenössische mystische Stimme: "Des nachts werden wir ziehen, den Quell zu finden, und der Durst wird unser einziges Licht sein."
Johannes vom Kreuz (Tgb 3, 1990)

Gott spricht:
"Suche, Seele, mich in dir
Und
Seele, suche dich in mir!"
Theresa von Avila (Tgb 3, Oktober 1990)

Meine tiefe Sehnsucht nach der höheren Kraft in mir wächst.
Ich bitte dich,
nimm mich hinein in deinen Atemstrom,
der mich schweigen lässt.
Bewahre mich vor Verkrustungen
Und zeige mir die Durchgänge zu dem Unfassbaren meines Seins.
Noch immer ist mein Üben auch von Ungeduld überschattet
Und meine Seele verdüstert von alten Vorstellungen.
Lass mich eintauchen in die Leere demütigen Schauens,
in die Stille dienender Bereitschaft,
in den Segen deiner Liebe.
Stephanie Krenn ("Und mein Herz singt", S.41)

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