Brennende Kerze im Sturm - Mystische Spiritualität inmitten unserer Welt

Was meint "mystische Spiritualität"?

"Mystik? Das ist doch Weltflucht!" Diese Reaktion bekommt man oft, wenn man von Mystik in unserer Welt sprechen will. Insofern ist es zunächst nötig zu erklären, was in diesem Buch unter Mystik verstanden wird. Das Wort klingt, oberflächlich betrachtet, zu sehr nach System, nach Definierbarem. Es ist aber typisch für Mystik, dass sie keine Lehre hervorgebracht hat, nichts, was sich in einem System darstellen lie├če. Vielmehr geht es in den meisten Äußerungen von Mystikern oder Mystikerinnen um den Versuch, "letzte Erfahrungen" in Worte zu fassen - was eigentlich unmöglich ist. So will ich in diesem Buch lieber von mystischer Spiritualität sprechen.

Das empfiehlt sich auch aus einem weiteren Grunde: Es gibt mystisches Denken und Glauben in fast allen großen Religionen: Schamanismus in vielen Naturreligionen, Yoga im Hinduismus, Zen im Buddhismus, die Chassidim im Judentum, Mystiker und Mystikerinnen im Christentum und die Sufis im Islam. Es sind jeweils Sonderströmungen in ihren Religionen, so dass es Sinn macht, z.B. von einer buddhistischen oder einer christlichen Mystik zu sprechen. Aber die Gemeinsamkeiten zwischen den genannten Richtungen sind so groß, dass es durchaus vertretbar ist, von der mystischen Spiritualität zu reden. Sie liegt gleichsam in der Mitte zwischen den Religionen, wenn man sich diese in einem Kreis angeordnet vorstellt.

Diese überraschend deutlichen Gemeinsamkeiten kann man so charakterisieren: Ein mystisches Weltbild kennt nur eine Wirklichkeit, keine Trennung zwischen Oben und Unten, Göttlichem und Menschlichem, Geist und Materie, Licht und Dunkel. Alles wird als mit allem verbunden erfahren und bezeugt. Das Weltbild der Mystik ist nicht-dual, also nicht aufgespalten in Gegensätze; es geht um die Erfahrung der Non-Dualität der Wirklichkeit. Das Göttliche wird dabei als allgegenwärtiger Geist verstanden, verkörpert in allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen, von den kleinsten Energiebündeln in einem Atom bis zu den fernsten Galaxien. Entsprechend wird der Mensch nicht als eine in sich abgeschlossene Einheit gesehen, die der "Umwelt" und "dem Göttlichen" gegenübersteht, sondern als Teil der einen, ganzen Wirklichkeit, als einer von unzähligen Knotenpunkten im Netz des Lebens.

Es scheint mir sinnvoll, zwischen "Wirklichkeit" und "Welt" zu unterscheiden. Dann meint der Begriff "Wirklichkeit" das Ganze des Seins in all seinen Dimensionen der Tiefe, Höhe und Weite, das Sichtbare wie das Unsichtbare. Um das Einssein aller Vielfalt in dieser Wirklichkeit geht es der mystischen Erfahrung. Dagegen meint der Begriff "Welt" nur jenen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit auf unserem Planeten Erde, der sich uns alltäglich aufdrängt. Zumeist umfasst er nur das, was unsere normalen Sinne wahrnehmen können. Aber es ist diese Welt, die uns immer wieder heraus-fordert aus alten Denkgewohnheiten und uns zu neuem Handeln drängt. Diese Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Welt - wie etliche andere, die ich in diesem Buch vornehme - entstammt allerdings dem dualen Denken, das jederzeit von der non-dualen Erfahrung mystischer Spiritualität aufgehoben werden kann und immer wieder überwunden werden muss. Das relativiert zwar den Wert solcher Unterscheidungen, macht sie aber nicht gänzlich unbrauchbar für unser alltägliches Leben und Verstehen.

Da Erfahrungen in unserer Alltagswelt häufig mit Leid verbunden sind, gab und gibt es in den Religionen immer wieder Tendenzen zum Rückzug aus der Welt, zumindest eine Sehnsucht nach einem leid-freien Jenseits (Paradies, Nirwana u.ä.). Die Lebensform der Einsiedelei oder der Klöster hat diese Tendenzen verstärkt und sichtbar gemacht. Dagegen setzten die jeweiligen mystischen Strömungen immer wieder ihr Verständnis von der einen, ungeteilten Wirklichkeit. Wer nur eine Wirklichkeit kennt, kann und will nicht aus der Welt fliehen, selbst wenn er oder sie sich auf Zeit aus dem weltlichen Getriebe zurückzieht. Das kann für die innere Reifung nötig sein kann. Aber mystisch-spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben stets ihre Schüler und Schülerinnen auf die Welt, ja in den Alltag verwiesen als den entscheidenden Raum der Bewährung ihrer mystischen Erfahrung - und sei es beim Putzen. "Erleuchtung" wird meist nicht als Entrückung aus der Welt erlebt, sondern als Einweisung in die Welt, wie sie wirklich ist, als Erwachen für die Welt.

Eine weitere Unterscheidung - die zwischen Ich und Selbst - ist so zentral für mystische Spiritualität, dass ich ihr ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Dabei geht es darum, unsere alltägliche Ich-Wahrnehmung als Illusion zu erkennen. Wenn das Ich-Bewusstsein, das wir uns wie die Spitze einer Welle vorstellen können, sich öffnet oder geöffnet wird hin zum Ozean des Seins, dann fließt die Selbst-Wahrnehmung über in die Wahrnehmung des Ganzen, dann steht die mystisch verstandene Individualität, das Selbst, inmitten aller Welt. Dann ist das isolierte Ich, das Ego, überwunden bzw. transzendiert.

Allerdings macht es uns die heutige Situation der Welt nicht gerade leicht, sich für sie zu öffnen, in sie gleichsam einzutauchen. Im Gegenteil! Nicht nur spirituelle Menschen, sondern auch sensible Realisten sind versucht, sich aus dieser als sehr stürmisch erlebten Welt herauszuhalten. Manche entziehen sich ihr aus einem Gefühl der Ohnmacht ins Private oder gar in die Innerlichkeit - oder sie verfallen in Verzweiflung und Resignation. Ich selbst habe das erlebt, als ich Anfang 1987 eine Zusammenfassung der damals bekannten ökologischen Krisen las. Es wurde gezeigt, dass die Zersetzung der Ozonschicht, die Vergiftung der tiefen Grundwasserschichten oder all der Giftmüll und radioaktive Abfall erst mit Zeitverzögerungen ihre volle Wirkung entfalten und viel zu spät als Gefahr wahrgenommen werden. Das entzog meinem damaligen politischen Aktionismus den Boden, und ich stürzte in eine existenzielle Krise. Was hatte es noch für einen Sinn zu agieren und zu agitieren, wenn es doch für Gegensteuerung schon zu spät war? Ich konnte durch glückliche Umstände relativ bald aus dieser Resignation wieder auftauchen und schrieb das Buch "Hoffen inmitten der Krisen". Darin trug ich viele Gründe zusammen, wie man trotz allem eine langfristige Hoffnung aufbauen und einen Weg durch die Krisen hindurch gehen könne. Allerdings spielte für mich damals mystische Spiritualität noch keine Rolle. Heute sehe ich die Katastrophen anders. Ich finde es aber dringlicher denn je, dass man sie überhaupt wahrnimmt.

Inhalte der Kapitel

Das 1. Kapitel dieses Buches will uns deshalb zumuten, die Weltlage in einer wenigstens groben Skizze anzuschauen. Vieles dabei wird den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein, andere könnte es aufs Neue schockieren. Um dem Ernst der Frage nach mystischer Erfahrung in der heutigen Welt gerecht zu werden, scheint es nötig, die Fakten aus der unvermeidlichen Verdrängung empor zu holen, auch wenn sie gerade in ihrer Zusammenstellung kaum auszuhalten sind.

Dem stellt das 2. Kapitel eine mystische Wahrnehmung der Welt entgegen. Inwiefern ist diese Wahrnehmungsweise ganz anders? Ist sie nur naiv, wenn sie all das Wirre zwar auch sieht, aber eben mehr als das? Wir brauchen diese ganz andere Sicht, wenn wir die ganze Wahrheit sehen wollen.

Für alles Weitere ist es wichtig, jenes Ich, das sich der Welt gegenüber sieht, näher anzuschauen. Deshalb widmet sich das 3. Kapitel - in der Kürze eines Exkurses - der mystischen Wahrnehmung des Ich und unterscheidet dabei zwischen Ego und Selbst.

Bei einer intensiven Betrachtung unserer leidvollen Welt taucht früher oder später die Frage nach "dem Bösen" im Menschen auf. Im 4. Kapitel wollen wir uns dieser Frage stellen, auch wenn sie seit Menschengedenken gestellt wurde und wohl nie endgültig beantwortet werden kann. Aus mystischer Sicht stellt sich die Frage anders. Freilich gibt es nicht nur von Menschen verursachtes Leid. Schwere Krankheiten, frühen Tod oder die Folgen von Naturkatastrophen kann man nicht auf böses Handeln von Menschen zurückführen. Wie kann solches Leid aus mystischer Erfahrung verstanden werden?
Ehrliche und empathische Wahrnehmung unserer heutigen Welt führt fast von selbst zu der Frage, was man denn tun könne, um das Leiden in der Welt im einen oder anderen Fall wenigstens ein bisschen zu vermindern. Das wird Thema des 5. Kapitels sein, das sich der Frage nach mystischer Praxis widmet. Dabei wird es zum einen um die praktische Einübung einer mystischen Geisteshaltung gehen (z.B. durch Meditation, Kontemplation oder Achtsamkeit); zum anderen aber auch darum, wie wir die mystischen Tugenden von Mitgefühl oder Liebe in effektives, veränderndes Handeln in dieser turbulenten Welt umsetzen könnten.

Dabei taucht dann im 6. Kapitel das Paradox von Mystik und Widerstand, von Kontemplation und Aktion auf, aber auch die in vielen mystischen Traditionen zu hörende Aufforderung zum "Nicht-Handeln" bzw. zum "Lassen".

Das 7. Kapitel möchte auf eine Frage eingehen, die vor allem Christen einem mystisch Glaubenden oft stellen: ob und wie man denn beten könne, wenn die Vorstellung von Gott als einer hörenden und handelnden "Person" sich im mystischen Verständnis ins Transpersonale auflöst. Ähnlich dringlich stellt sich für mystische Spiritualität die Frage nach dem Hoffen. Wenn doch - wie in den meisten mystischen Traditionen - immer wieder betont wird, dass das Bewusstsein sich voll und ganz auf das Hier und Jetzt konzentrieren solle, was bleibt dann zu hoffen? Was dürfen wir dann noch hoffen für diese stürmische Welt? Eine vorläufige Antwort sei im Bild angedeutet: Wenn eine brennende Kerze in der Mitte der Welt, im stillen Auge des Wirbelsturms steht, bleibt sie brennen und leuchtet in diese Welt hinein.

Das letzte und 8. Kapitel kommt auf die Frage zurück, wie die jeweiligen mystischen Richtungen der Spiritualität zu ihren Herkunftsreligionen stehen bzw. wie sich mystische Spiritualität, die ja selbst ein religiöses Phänomen ist, zu Religion verhält. Kann es Spiritualität ohne Religion geben? Wird es eventuell längerfristig eine transreligiöse Spiritualität geben? Dieses Buch jedenfalls möchte Anregungen geben für spirituell Suchende mit und ohne religiösen Hintergrund.

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